Die Deutsche Gesellschaft für Physician Assistants (DGPA) e. V. hat am 12. Juni 2026 eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der sie die Unterschiede zwischen den Berufsbildern Physician Assistant (PA) und Primary Care Manager (PCM) herausarbeitet. Hintergrund ist eine in der Fachöffentlichkeit zunehmend beobachtete Verwechslung beider Qualifikationsprofile.
In der wachsenden Landschaft akademischer Gesundheitsberufe in Deutschland sind in den vergangenen Jahren mehrere neue Qualifikationsprofile entstanden. Zwei davon – der Physician Assistant und der Primary Care Manager – begegnen sich im Versorgungsalltag häufig im selben Kontext: beide mit Bachelorabschluss, beide mit 180 ECTS, beide im ambulanten Sektor tätig. Diese formalen Gemeinsamkeiten haben dazu geführt, dass die Berufsbilder in der Praxis, in Stellenausschreibungen und teils auch in der berufspolitischen Kommunikation nicht immer klar voneinander abgegrenzt werden. Die DGPA nimmt diese Entwicklung zum Anlass, die jeweiligen Kompetenzprofile transparent darzustellen.
Was ist der Primary Care Manager und wie entstand der Beruf?
Der Studiengang Primary Care Management wurde auf Initiative des Hausärztinnen- und Hausärzteverband e. V. (HÄV) in Zusammenarbeit mit der privaten FOM Hochschule für Oekonomie & Management entwickelt. Ziel war es, die hausärztliche Versorgung durch akademisch qualifizierte Fachkräfte zu stärken, die sowohl medizinische Grundkenntnisse als auch organisatorische Kompetenzen mitbringen und gesichert in den Praxen verbleiben.
Der Studiengang richtet sich in vielen Fällen an Fachkräfte mit bestehender Berufserfahrung im Gesundheitswese, insbesondere Medizinische Fachangestellte (MFA) sowie VERAH (Versorgungsassistent:in in der Hausarztpraxis). Für diese Zielgruppe wird das Studium durch Anrechnung von Vorleistungen häufig auf vier Semester verkürzt und berufsbegleitend absolviert.
Inhaltlich war das PCM-Profil ursprünglich breit aufgestellt und umfasste sowohl patientennahe als auch administrative Tätigkeiten. Zur Definition gehörten unter anderem Informations- und Beratungsgespräche mit Patient:innen sowie Versorgungstätigkeiten in der Prävention und Rehabilitation – aber auch die übergeordnete Praxisorganisation, konkret Personalplanung, Logistik und Buchhaltung, Leistungsabrechnung sowie das praxisübergreifende Rechnungswesen.
Wie sie vom Hausärztinnen- und Hausärzteverband und vom Bundesverband Primary Care Management e. V. heute beschrieben werden, zählen zu den zentralen Tätigkeitsfeldern:
- Praxisorganisation
- Personalplanung
- Prozess- und Qualitätsmanagement
- Sektorenübergreifendes Case-Management
Mittlerweile umfasst das Profil auch weitere ärztlich delegierbare Tätigkeiten in der primärmedizinischen Versorgung, darunter „u. a. die vorbereitende nichtärztliche Ersteinschätzung, Unterstützung bei der Anamneseerhebung der Patientin oder des Patienten sowie ggf. Unterstützung bei der körperlichen Untersuchung, Vorbereitung besonderer Sprechstunden (u. a. Infektsprechstunde, Wundsprechstunde, DMP-Sprechstunde), Unterstutzung bei sonographischen Untersuchungen, Hausbesuche sowie administrative Aufgaben.“
Warum werden PA und PCM im selben Kontext genannt?
Ein wesentlicher Grund für die häufige Parallelnennung beider Berufsbilder liegt im gemeinsamen Versorgungskontext: Beide Qualifikationen wurden im Rahmen des Projekts HÄPPI (Hausärztliches Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell) diskutiert und gefördert. HÄPPI hatte das Ziel, die primärärztliche Versorgung durch moderne Teamstrukturen zu stärken, unter anderem durch den Einsatz akademisch qualifizierter Mitarbeitender in Hausarztpraxen.
Da sowohl PA als auch PCM unter die akademischen Gesundheitsberufe fallen, erhalten Praxen und anstellende Ärzt:innen bei der Beschäftigung beider Berufsgruppen grundsätzlich die identischen Förderungen. Diese strukturelle Ähnlichkeit in der Förderlogik hat in der Praxis dazu beigetragen, dass beide Berufsbilder im selben Atemzug genannt werden, was mitunter den Eindruck erweckte, es handele sich um austauschbare Qualifikationen.
Die Position der DGPA: klare Differenzierung, keine Hierarchie
Die DGPA betont in ihrer Stellungnahme ausdrücklich, dass es ihr nicht darum geht, ein Berufsbild gegenüber dem anderen aufzuwerten. Aus Sicht des Verbands handelt es sich um komplementäre, nicht um konkurrierende Profile. „Beide Profile im multiprofessionellen Team sinnvoll ergänzen können, jedoch nicht austauschbar sind“, heißt es in der Pressemitteilung.
Die DGPA verweist zur Definition des PCM-Berufsbilds auf die offiziellen Beschreibungen der zuständigen Verbände selbst. So definiert der Hausärztinnen- und Hausärzteverband:
„Eine/Ein PCM unterstützt und entlastet die Ärztin oder den Arzt bei allen Tätigkeiten in der Praxis. Das von einer/einem PCM ausgeübte Primary Care Management findet dabei vor allem sinnvolle Anwendung in hausärztlichen Praxen. Es erstreckt sich auf (assistierte) ärztliche Tätigkeiten, welche durch Ärztinnen und Ärzte delegiert werden und alle Bereiche der Praxisorganisation erfassen.“
Der Bundesverband Primary Care Management e. V. ergänzt:
„Primary Care Manager (PCM) sind spezialisierte Fachkräfte in hausärztlichen Praxisteams, die sowohl medizinische als auch organisatorische Aufgaben übernehmen.“
Was unterscheidet die Curricula konkret?
Der Pressemitteilung beigefügt ist eine curriculare Analyse, die die DGPA auf Basis einer ECTS-gewichteten Inhaltsanalyse beider Studiengänge erstellt hat. Als Referenz für den PA-Studiengang dient das Positionspapier der Bundesärztekammer (BÄK) aus dem Jahr 2025, das Mindeststandards für PA-Studiengänge bundesweit definiert. Für PCM wurde das Modulhandbuch der FOM Hochschule herangezogen.
Der PA-Studiengang weist demnach mehr als 60 % seiner Lehrinhalte in medizinisch-klinischer Theorie und strukturierter Praxisausbildung aus. Der PCM-Studiengang verteilt die ECTS gleichmäßiger, mit einem deutlich höheren Anteil an Management- und Organisationsinhalten (25 %) bei einem geringeren Anteil klinischer Praxisphasen (11 %).
Ergänzend hat die DGPA eine Zweitberechnung für PCM vorgenommen, die auf den von der FOM Hochschule selbst ausgewiesenen inhaltlichen ECTS-Anteilen basiert. Hier verschiebt sich das Bild: Der wissenschaftliche Kompetenzbereich steigt auf 39 % und stellt damit den größten Einzelbereich dar, während Management und Organisation auf 7 % sinkt. Medizinisch-klinische Inhalte machen weiterhin rund ein Drittel aus (34 %).
Die DGPA interpretiert diese Verschiebung als Hinweis darauf, dass Module, die in der Primäranalyse dem Managementbereich zugeordnet wurden, aus Sicht der Hochschule überwiegend wissenschaftliche, sozial- oder gesundheitswissenschaftliche Inhalte vermitteln.
Zudem weist die Analyse laut DGPA auf einen strukturellen Unterschied hin: Beim PCM-Studiengang werden klinisch-praktische Ausbildungsanteile in der Selbstdarstellung der Hochschule nicht als eigenständiger curricularer Bereich ausgewiesen – im Unterschied zum PA-Studiengang, in dem Praxisphasen explizit als eigener Schwerpunkt definiert sind.
Fazit: Eigenständige Profile im gemeinsamen Versorgungskontext
Die DGPA fordert in ihrer Stellungnahme eine klarere begriffliche Trennung beider Berufsbilder, sowohl in der Fachöffentlichkeit als auch in der Personalplanung. Nach Einschätzung des Verbands birgt eine unscharfe Verwendung der Begriffe das Risiko falscher Erwartungen auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite sowie Fehlzuordnungen in der Praxis.
Dabei unterstreicht die DGPA: PA und PCM verfolgen unterschiedliche Qualifikationsziele, können aber in einem modernen, arbeitsteiligen Versorgungsteam komplementär zusammenwirken. Das eine Berufsbild schließt das andere nicht aus – es ergänzt es. Für Hausarztpraxen, die beide Profile kennen und einzusetzen wissen, kann dies ein Baustein für eine tragfähige, interprofessionelle Primärversorgung sein.
Die vollständige Pressemitteilung einschließlich der curricularen Gegenüberstellung ist auf der Website der DGPA abrufbar: Zur DGPA-Pressemitteilung