Seit 2023 schickt die Technische Hochschule Deggendorf (THD) regelmäßig Physician-Assistant-Studierende in die USA, dorthin, wo das Berufsbild seit den 1960er-Jahren fest etabliert ist. Was mit dem persönlichen Netzwerk eines Professors begann, ist heute ein wiederkehrendes Austauschprogramm mit Stationen an renommierten Kliniken von Boston bis Ohio.
Für viele von uns in der PA-Community ist der Blick in die USA auch ein Blick in eine mögliche Zukunft. Dort arbeiten Physician Assistants seit Jahrzehnten selbstverständlich an der Seite von Ärzt:innen, mit klar umrissenen Kompetenzen und hoher Akzeptanz im Team. Genau diesen Blick ermöglicht die THD ihren Studierenden, und zwar nicht als Theorie im Hörsaal, sondern direkt in Klinik und OP. Wir haben mit Annika Schickle gesprochen, die gerade aus Ohio zurückgekehrt ist, und ordnen für Euch ein, was hinter dem Programm steckt.
Wie ein Professor die Tür in die USA öffnete
Zustande gekommen ist der Austausch über die persönlichen Kontakte von Prof. Dr. Thiha Aung, Modulverantwortlicher und einer der prägenden Köpfe des PA-Studiengangs in Deggendorf. Über sein Netzwerk entstanden die Verbindungen zu den US-amerikanischen Häusern, die den Studierenden heute ihre Türen öffnen.
„Wir freuen uns über die Möglichkeit, mit solch angesehenen Institutionen zusammenzuarbeiten und unseren Studierenden sowie Forschenden wertvolle internationale Perspektiven zu bieten“, sagt Prof. Dr. Aung.
Getragen werden die Aufenthalte von wechselnden Förderern. Der erste Jahrgang 2023 reiste mit Stipendien der Anton-Fink-Stiftung und des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus sowie mit Unterstützung des Fördervereins der Freunde der THD. Der Aufenthalt 2024 wurde durch Spenden von Patientinnen und Patienten von Prof. Dr. Aung sowie durch die Bayerische Forschungsallianz (BayFOR) finanziert. Auch der jüngste Aufenthalt in Ohio wurde von Prof. Dr. Aung unterstützt.
Observership: den kompletten Prozess begleiten
Das Format des Austauschs ist ein sogenanntes Observership. Die Studierenden begleiten dabei Abteilungen ihrer Wahl im Krankenhaus und verfolgen den kompletten Behandlungsprozess, von der Diagnostik über die Therapieentscheidung bis in den OP und die Nachsorge. Im Vordergrund steht das Beobachten und Verstehen von Abläufen, nicht das eigenständige Behandeln.
In der Regel dauert ein Aufenthalt zwei bis vier Wochen und fällt meist ins Praxissemester. Annikas Aufenthalt war mit einer Woche kürzer, weil unmittelbar davor noch ein Fachkongress in Ohio auf dem Programm stand (dazu später mehr).
Die Stationen: von Boston bis Ohio
Innerhalb weniger Jahre ist aus dem ersten Aufenthalt eine ganze Landkarte an Standorten geworden:
- Boston University / Boston Medical Center (2023): der erste Jahrgang. Die Studentinnen Julia Scherübl und Anna Ertl begleiteten im fünften Semester vier Wochen lang Masterstudierende des dortigen PA-Programms.
- Yale University, New Haven (2024): Florian Lang und Lukas Safranek hospitierten je zwei Wochen im Bereich Paramedics und Emergency Medicine. Stationiert an verschiedenen Feuer- und Rettungswachen begleiteten sie die Paramedics zu Einsätzen, assistierten bei lebensrettenden Maßnahmen und verbrachten einen Tag in der Notaufnahme. Zeitgleich absolvierte die THD-Doktorandin Sandra Maurer einen Forschungsaufenthalt an der Harvard Medical School in Boston.
- Cornell University, New York (Oktober 2025): Lya Gaschler und Elisabeth Lichtenberger waren zwei Wochen am New York-Presbyterian Hospital der Cornell University im Nierentransplantationszentrum im Einsatz. Einen Tag lernten sie außerdem den Campus der Cornell University selbst kennen.
- Boston und Yale (2025): Lara Edlbauer und Michelle Fink verbrachten im November im Rahmen ihres Praxissemesters zunächst zwei Wochen am Massachusetts General Hospital in Boston, in der Neurochirurgie und der Hospital Medicine. Anschließend folgten zwei Wochen am Yale New Haven Hospital in der Notaufnahme (Emergency Department).
- Ohio, The Ohio State University Wexner Medical Center (2025, zuletzt): Annika Schickle und Anna Friedrich waren im Bereich der plastischen Chirurgie zu Gast. Zu ihren Stationen zählten das Stefanie Spielman Comprehensive Breast Center sowie The James Outpatient Care.
Und das Programm soll weiter wachsen: Neue Standorte sind bereits in der Planung.
Wie unmittelbar diese Einblicke sein können, zeigt das Beispiel Yale. Statt im Hörsaal saßen Florian Lang und Lukas Safranek auf dem Rettungswagen, lernten den amerikanischen Rettungsdienst aus nächster Nähe kennen und sahen im Notaufnahme-Alltag, welche Aufgaben Physician Assistants dort selbstverständlich übernehmen. Genau solche Erfahrungen eröffnen den Studierenden neue berufliche Perspektiven und fließen zugleich in die Weiterentwicklung des PA-Studiengangs an der THD zurück.



„Ganz frisch aus Ohio zurück“: Annikas Erfahrungsbericht
Als eine der zuletzt zurückgekehrten Teilnehmerinnen war Annika Schickle gemeinsam mit Anna Friedrich in Ohio unterwegs, im Fachbereich der plastischen Chirurgie am Wexner Medical Center der Ohio State University. In ihrer Woche vor Ort bekam sie ein bemerkenswert breites Bild: vom OP über die Outpatient Care bis zum Brustkrebszentrum und in die Diagnostik. Auch ein Besuch des Campus stand auf dem Programm.
„Ich habe in dieser einen Woche unglaublich viel gesehen, vom OP über die Sprechstunde bis ins Brustkrebszentrum. Am meisten beeindruckt hat mich, wie selbstverständlich die PAs dort Teil des Behandlungsteams sind und eigenständig arbeiten.“
Der Kongress in Ohio: ein Poster-Vortrag mit Uganda-Bezug
Möglich wurde der Aufenthalt in dieser Form, weil Annika ohnehin schon in Ohio war. Direkt vorher nahm sie am World Symposium for Lymphedema Surgery teil, wo sie einen Poster-Vortrag über den Aufbau eines lymphologischen Ausbildungs- und Operationszentrums in Uganda hielt.
Dahinter steht ein Projekt im Rahmen einer humanitären Hilfsinitiative, zu dem eine Publikation bereits eingereicht ist. Zwischen Februar 2024 und Oktober 2025 wurden dort insgesamt 586 Patientinnen und Patienten mit lymphologischen Erkrankungen betreut. In diesem Zeitraum wurden zudem zehn vaskularisierte Lymphknotentransplantationen (VLNTx) durchgeführt, bei denen gesundes Lymphknotengewebe mikrochirurgisch verpflanzt wird. Alle zehn Eingriffe verliefen erfolgreich. Zwei ausgewählte Fallberichte veranschaulichen das operative Vorgehen und die ersten klinischen Ergebnisse.
Entstanden ist auch dieses Engagement durch Prof. Dr. Aung. Er nimmt seit seinem Medizinstudium an humanitären Hilfseinsätzen teil und führt dies heute gemeinsam mit den PA-Studierenden fort.
„Der Kongress in Ohio war für mich eine sehr bereichernde Erfahrung. Es war schön, bekannte Kolleginnen und Kollegen wiederzusehen, neue Kontakte zu knüpfen und sich international zu vernetzen. Fachlich konnte ich viele neue Erkenntnisse mitnehmen. Auch mein Poster-Vortrag führte zu einer interessanten Diskussion, da diese Form des Lymphödems in Industrieländern nur selten vorkommt. Besonders die Podokoniose war für viele Teilnehmende ein ungewöhnliches Krankheitsbild. Zudem stießen die erfolgreichen Ergebnisse der beiden vorgestellten Fallberichte auf großes Interesse und teilweise Erstaunen.“ berichtet Annika.
Zur Einordnung: Die Podokoniose ist eine nicht durch Parasiten verursachte Form des Lymphödems, die auf langjährigen Barfußkontakt mit bestimmten Böden zurückgeht und vor allem in einigen Regionen Afrikas auftritt.
Am Rande sorgte der Trip sogar für ein bisschen Medienpräsenz: Niederbayern TV begleitete Annika sowohl auf dem Kongress als auch, quasi zwischen Tür und Angel, während des Praktikums im OP. Entstanden ist daraus die Dokumentation „Physician Assistants als Mittel gegen den Ärztemangel“, die den USA-Austausch mit einer der drängendsten Fragen der Versorgung verknüpft: dem Ärztemangel, gerade im ländlichen Raum.
Was das für den PA-Beruf bedeutet
Der Austausch ist mehr als eine spannende Reise. Für angehende Physician Assistants in Deutschland ist er ein Blick über den Tellerrand in ein System, in dem ihr Berufsbild bereits das ist, was es hierzulande gerade erst wird: fest etabliert, klar definiert und breit akzeptiert. Wer erlebt hat, wie PAs in den USA eigenständig Verantwortung im Team tragen, bringt dieses Selbstverständnis mit zurück und trägt es in die noch junge deutsche PA-Landschaft hinein.
Dass eine Hochschule wie die THD diesen Austausch nicht als einmaliges Leuchtturmprojekt, sondern als wiederkehrenden Bestandteil des Studiums etabliert, ist ein starkes Signal für die Professionalisierung des Berufs und dafür, wie ernst die Ausbildung hierzulande genommen wird.
Ausblick: ein Programm, das wächst
Aus einem ersten Aufenthalt 2023 ist in wenigen Jahren ein festes Austauschprogramm mit mehreren Jahrgängen und Stationen an renommierten US-Kliniken geworden. Und es geht weiter: Weitere Standorte in den USA sind bereits in Vorbereitung, sodass künftige Jahrgänge noch mehr Fachbereiche und Einblicke ins „Mutterland der PAs“ kennenlernen werden.
Für die PA-Community in Deutschland ist das eine gute Nachricht. Jede Studentin und jeder Student, die diese Erfahrung machen, bringen ihr Wissen und ihr gestärktes Selbstverständnis zurück nach Deggendorf und in den noch jungen Beruf. Wir bleiben für Euch dran und berichten, wenn die nächsten Teams ihre Koffer packen.