Zum Studienabschluss nach Mexiko: Nicoles PA-Praktikum in der Geburtshilfe von Guadalajara

Nach drei Jahren berufsbegleitendem Studium hat Nicole Rotter ihren Weg zum Physician Assistant mit einem zweiwöchigen PA-Praktikum in der Geburtshilfe eines Krankenhauses in Guadalajara abgeschlossen. Mit 47 Jahren, zwei Kindern und einem vollen Berufsalltag hat sie sich damit einen lange gehegten Wunsch erfüllt: einmal über den deutschen Tellerrand schauen.

Nicoles Weg in den PA-Beruf begann lange vor dem Studium. Seit 2004 ist sie im medizinischen Bereich tätig, zunächst als Quereinsteigerin in der Urologie, nach der Erziehungszeit dann in einer Privatpraxis für Allgemein- und Palliativmedizin. Seit 2018 arbeitet sie dort als Medizinische Fachangestellte, seit 2019 als Erstkraft. Ihr Arbeitgeber hat das Studium gefördert und unterstützt. Von September 2023 bis August 2026 studierte sie berufsbegleitend an der DHGS (Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport) am Standort Ismaning. Seit dem 1. Oktober 2026 ist sie in derselben Praxis als Physician Assistant tätig.

Den Abschluss dieses langen Weges wollte Nicole bewusst besonders gestalten. Was nach dem Abitur nicht geklappt hatte, holte sie zum Ende des Studiums nach: eine Zeit im Ausland. Für viele Förderprogramme kam sie altersbedingt nicht mehr infrage, erste Versuche, ein PA-Praktikum in den USA zu organisieren, erwiesen sich als schwierig. Hinzu kam der Wunsch, die Zeit mit einem Familienurlaub zu verbinden, ihre Kinder sind 14 und 17 Jahre alt. Die Wahl fiel schließlich auf Guadalajara in Mexiko, ein Land, zu dem Nicole über ihre Familie einen persönlichen Bezug hat: Ihre Schwiegermutter stammt von dort. Entsprechend wichtig war es ihr, den Kindern etwas von der Kultur ihrer Großmutter zu zeigen.

Dass am Ende dieses Weges nun der Titel steht, wirkt für Nicole selbst noch immer besonders:

“Physician Assistant, Bachelor of Science. Ein Satz, der sich noch immer ein bisschen unwirklich anfühlt.”

Zwei Wochen in der Geburtshilfe von Guadalajara

Ihr Praktikum absolvierte Nicole für zwei Wochen an einem Krankenhaus im Großraum Guadalajara, im Bereich Gynäkologie und Geburtshilfe. Den Beruf des Physician Assistant gibt es in Mexiko in dieser Form nicht. Aufgrund ihres Lebenslaufs und ihrer Berufserfahrung wurde Nicole dem ärztlichen Team zugeteilt und arbeitete vor allem mit Assistenzärzt:innen und Medizinstudierenden zusammen. Ein typischer Tag ging von etwa 8 bis 14 Uhr: morgens zunächst ein Treffen der Assistenzärzt:innen und Studierenden, danach die gemeinsame Visite mit den Oberärzt:innen. Anschließend ging es je nach Einteilung auf Station, in die Wundversorgung, in die Nachsorge nach Kaiserschnitten, in die Sprechstunde, in die Familienplanung oder in den Kreißsaal.

Junge Mütter und andere Abläufe

Zwei Tage verbrachte Nicole im Kreißsaal und durfte dabei mehrere Geburten begleiten, für sie eine der eindrücklichsten Erfahrungen des PA-Praktikums. Besonders bewegt hat sie das teilweise sehr junge Alter der Mütter. Mehrfach erlebte sie sehr junge Schwangere und Gebärende, einige waren erst 15 Jahre alt oder jünger. Das führte zu vielen Gesprächen mit den Kolleg:innen über Unterschiede bei Sexualaufklärung und Verhütung. Auch die Abläufe waren teilweise anders als in Deutschland. In dem Krankenhaus durften die Frauen keine Begleitperson mitbringen, sie waren während der Geburt also ohne Partner oder Angehörige.

In der Sprechstunde und in der Familienplanung war Nicole eng eingebunden und durfte auch praktisch mitwirken. Sie assistierte beim Legen von Verhütungsimplantaten und unter Anleitung setzte sie während einer Sprechstunde selbst ein Verhütungsstäbchen, ein besonderes Highlight ihrer zwei Wochen.

Zwischen guter Ausstattung und Sprachbarriere

Positiv überrascht hat Nicole die gute Ausstattung des Krankenhauses. Ihr Eindruck war nicht, dass die Medizin dort grundsätzlich schlechter sei als in Deutschland, im Gegenteil: Es wurde sehr effektiv gearbeitet und die bürokratischen Hürden wirkten geringer. Auffällig war für sie, wie früh Medizinstudierende in den Klinikalltag eingebunden werden und dadurch viel praktische Erfahrung sammeln. Jeden Tag gab es mindestens eine sogenannte “Class”, in der ein oder zwei Studierende ein Thema aus Gynäkologie und Geburtshilfe präsentierten, etwa Syphilis, Endometriose oder PCOS.

Die größte Herausforderung war die Sprache. Die Kommunikation im Krankenhaus fand nahezu ausschließlich auf Spanisch statt, nur wenige Ärzt:innen und Pflegekräfte sprachen Englisch, die Patient:innen ausschließlich Spanisch. Für ein solches PA-Praktikum, so Nicole, muss man Spanisch können. Da in der Familie ihres Mannes viel Spanisch gesprochen wird, konnte sie sich gut verständigen, zudem wurde in ihrem Team teilweise auch Englisch gesprochen.

Ein Umgang auf Augenhöhe

Menschlich hat Nicole vor allem die Haltung im Team beeindruckt. Alle arbeiteten auf Augenhöhe, der Umgangston war freundlich und kollegial. Sie selbst wurde sehr nett aufgenommen und gut integriert. Besonders in Erinnerung bleibt ihr der Umgang mit den Patientinnen. Sie habe dort sehr viel Empathie erlebt und das zog sich durch alle Ebenen, von den Oberärzt:innen über die Assistenzärzt:innen bis zu den Studierenden.

Was Nicole für die PA-Rolle mitnimmt

Für Nicole war es vor allem wertvoll, ein anderes Gesundheitssystem kennenzulernen. Sie wollte bewusst über den deutschen Tellerrand schauen und dabei wurde ihr auch klar, dass vieles in Deutschland besser funktioniert, als es im Alltag manchmal scheint. Gleichzeitig nimmt sie die frühe praktische Einbindung der Studierenden als Impuls mit. Dass sie sich trotz der in Mexiko unbekannten Berufsrolle über medizinisches Wissen, praktische Erfahrung und Teamfähigkeit schnell im ärztlichen Team zurechtfand, hat ihr noch einmal gezeigt, worauf es im PA-Beruf ankommt. Medizin könne überall anders aussehen und lebe trotzdem immer von Menschen.

Beruflich geht es für Nicole bei ihrem bisherigen Arbeitgeber weiter. Seit Oktober 2026 arbeitet sie dort als Physician Assistant und freut sich auf die neuen Aufgaben, die sie nun übernehmen kann.

Nicoles Rat an PA-Studierende

Organisiert hat Nicole das PA-Praktikum schließlich über eine Organisation, die medizinische Auslandspraktika vermittelt, nachdem die Suche in Eigenregie sich als zu schwierig erwiesen hatte. Dieser Weg passte gut zu ihrer Lebenssituation. Eine Unterbringung in einer Gastfamilie wäre grundsätzlich möglich gewesen, darauf verzichtete sie aber, weil sie mit ihrer Familie reiste und eine eigene Unterkunft hatte. So ließ sich das Praktikum gut mit dem Familienurlaub verbinden.

Ihr Rat an andere PA-Studierende fällt eindeutig aus: Wer mit dem Gedanken spielt, sollte die Möglichkeit nutzen, denn ein Auslandspraktikum erweitert den persönlichen und beruflichen Horizont. Man sollte sich wirklich auf Land und Kultur einlassen, sich vorab gut über Klinik, Einsatzbereiche und organisatorische Bedingungen informieren und bei einem spanischsprachigen Krankenhaus die Sprache beherrschen. Und auch mit Beruf und Familie lässt sich ein solches Praktikum organisieren, wenn man eine Form findet, die zur eigenen Lebenssituation passt.

Was Nicoles Geschichte für den PA-Beruf zeigt

An Nicoles Weg lässt sich gut ablesen, dass ein Auslandspraktikum kein Privileg der ganz Jungen ist. Mit Berufserfahrung, Familie und vollem Arbeitsalltag lässt sich eine solche Erfahrung organisieren, wenn Rahmen und Form zur Lebenssituation passen. Ihr Einsatz zeigt zudem, wie anschlussfähig das PA-Profil ist. Selbst in einem Gesundheitssystem, das die Rolle in dieser Form nicht kennt, fand Nicole über medizinisches Wissen, praktische Erfahrung und Teamfähigkeit schnell ihren Platz im ärztlichen Team. Zurück in Deutschland nimmt sie den Blick dafür mit, was anderswo gut funktioniert. Das Praktikum hat ihr aber auch gezeigt, wie viel hierzulande bereits stark ist.

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