Mehr Zeit für Patientinnen und Patienten, kürzere Wartezeiten und eine hohe Akzeptanz: Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) hat erste Ergebnisse ihres Modellprojekts zum Einsatz von Physician Assistants (PAs) in der ambulanten Versorgung veröffentlicht. Die Zwischenbilanz fällt positiv aus. Besonders interessant ist dabei, wie Patientinnen und Patienten die Behandlung durch PAs wahrnehmen und welche Aufgaben diese bereits in den Praxen übernehmen.
16 Praxen erproben den Einsatz von Physician Assistants
Seit 2025 untersucht die KV Nordrhein gemeinsam mit 16 haus- und fachärztlichen Praxen, wie Physician Assistants sinnvoll in die ambulante Versorgung integriert werden können. Das wissenschaftlich begleitete Modellprojekt soll Erkenntnisse darüber liefern, welche Potenziale der PA-Beruf in der vertragsärztlichen Versorgung bietet.
Bereits im August 2025 berichtete der PA Blog über die neue Initiative der KV Nordrhein. Damals suchte die KVNO gezielt Physician Assistants und interessierte Praxen, um neue Formen der interprofessionellen Zusammenarbeit zu erproben.
Nun liegen erste Ergebnisse einer Patientenbefragung vor. Diese zeigen, dass PAs nicht nur Aufgaben innerhalb des Praxisteams übernehmen, sondern auch von Patientinnen und Patienten überwiegend positiv wahrgenommen werden.
98 Prozent: Erwartungen an den Praxisbesuch erfüllt
Besonders bemerkenswert ist die hohe Akzeptanz der Physician Assistants. Für 76 Prozent der befragten Patientinnen und Patienten war die Behandlung durch einen PA zunächst eine neue Erfahrung.
Trotzdem reagierten 38 Prozent sehr positiv und weitere 17 Prozent eher positiv auf die Ankündigung, dass ein Physician Assistant ihren Termin übernehmen würde. Die übrigen 45 Prozent standen der Behandlung neutral gegenüber.
Nach dem Termin fällt die Bilanz noch deutlicher aus: Bei 98 Prozent der Befragten wurden die Erwartungen an den Praxisbesuch erfüllt.
Auch bei einzelnen Qualitätsmerkmalen schneiden die PAs positiv ab:
- 76 Prozent waren mit der Verständlichkeit der Erklärungen und der fachlichen Kompetenz zufrieden oder sehr zufrieden.
- 75 Prozent bewerteten die Empathie und Freundlichkeit positiv.
- 72 Prozent zeigten sich mit der verfügbaren Behandlungszeit zufrieden oder sehr zufrieden.
Darüber hinaus würden 57 Prozent eine Behandlung durch einen PA sehr wahrscheinlich aktiv weiterempfehlen. Weitere 28 Prozent stehen einer Empfehlung aufgeschlossen gegenüber.
Die Ergebnisse sind ein wichtiges Signal für die ambulante Versorgung. Denn die Akzeptanz durch Patientinnen und Patienten ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass sich neue Berufsrollen langfristig in der Versorgung etablieren können.
Mehr Zeit und kürzere Wartezeiten: Das schätzen Patienten an PAs
Welche konkreten Vorteile sehen Patientinnen und Patienten in der Behandlung durch Physician Assistants?
Auch dieser Frage ist die KV Nordrhein nachgegangen. Insgesamt liegen hierzu 166 gültige Antworten vor, wobei Mehrfachnennungen möglich waren.
| Wahrgenommener Vorteil | Anteil |
|---|---|
| PA nimmt sich mehr Zeit | 68,1 % |
| Kürzere Wartezeit auf einen Termin | 63,9 % |
| Kürzere Wartezeit im Wartezimmer | 53,0 % |
| PA erklärt medizinische Sachverhalte besser | 33,1 % |
Die Ergebnisse zeigen, dass Patientinnen und Patienten insbesondere die zeitlichen Vorteile der PA-Versorgung wahrnehmen.
Für die ambulante Versorgung ist das relevant. Viele Praxen stehen vor der Herausforderung, eine steigende Zahl an Patientinnen und Patienten mit begrenzten ärztlichen Ressourcen zu versorgen. Eine gezielte Aufgabenteilung zwischen Ärztinnen, Ärzten und Physician Assistants kann hier neue Handlungsspielräume schaffen.
Allerdings handelt es sich bei den Ergebnissen um subjektive Einschätzungen der Befragten. Ob und in welchem Umfang sich Wartezeiten tatsächlich verkürzen, lässt sich daraus allein noch nicht ableiten.
Welche Aufgaben übernehmen Physician Assistants in den Praxen?
Die Befragung liefert auch Einblicke in die konkreten Tätigkeiten, die Physician Assistants im ambulanten Alltag übernehmen.
Besonders häufig wurden folgende Aufgaben aus Patientensicht genannt:
| Tätigkeit | Anteil |
|---|---|
| Körperliche Untersuchungen und Befundkontrollen | 42 % |
| Besprechung von Laborergebnissen | 40 % |
| Medikationsmanagement | 34 % |
| Blutabnahmen | 24 % |
| Beratung und Versorgung bei Infekten | 21 % |
| Impfungen und Impfaufklärung | 20 % |
| Wundkontrollen | 15,3 % |
Die Tätigkeiten verdeutlichen, dass PAs in den beteiligten Praxen in unterschiedliche Bereiche der Patientenversorgung eingebunden sind.
Dabei geht es nicht ausschließlich um organisatorische Unterstützung oder einzelne technische Maßnahmen. Vielmehr übernehmen Physician Assistants im Rahmen der ärztlichen Delegation auch Aufgaben in der Anamnese, Untersuchung, Befundbesprechung und Patientenbetreuung.
Gerade diese Einbindung in die medizinischen Versorgungsprozesse unterscheidet das Berufsbild von rein administrativen Unterstützungsfunktionen.
Ärztliche Entlastung: Bei 45 Prozent der Termine war kein Arzt anwesend
Ein weiteres interessantes Ergebnis betrifft die unmittelbare Einbindung von Ärztinnen und Ärzten während der Behandlung.
Bei 45 Prozent der erfassten Termine war aus Patientensicht während der Behandlung kein Arzt anwesend. Bei weiteren 29 Prozent erfolgte nur eine kurze ärztliche Beteiligung, beispielsweise zur Ausstellung eines Rezepts. In 26 Prozent der Fälle wurde die Behandlung vollständig ärztlich begleitet.
Wurden Ärztinnen und Ärzte hinzugezogen, geschah dies insbesondere bei der Ausstellung von Rezepten (45 Prozent) oder bei Therapieentscheidungen (44 Prozent).
Diese Ergebnisse verdeutlichen, wie eine arbeitsteilige Versorgung in der Praxis funktionieren kann: Physician Assistants übernehmen delegierte medizinische Aufgaben, während Ärztinnen und Ärzte gezielt bei entsprechenden Entscheidungen oder erforderlichen Maßnahmen eingebunden werden.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen der unmittelbaren ärztlichen Anwesenheit und der ärztlichen Verantwortung. Auch wenn ein PA einzelne Behandlungsschritte ohne direkte Anwesenheit eines Arztes durchführt, bleibt die ärztliche Fallverantwortung bestehen.
Die Befragung liefert damit erste Hinweise auf das Entlastungspotenzial von Physician Assistants. Wie groß die tatsächliche zeitliche oder wirtschaftliche Entlastung für Praxen ausfällt, muss jedoch weiter untersucht werden.
KV Nordrhein hat bereits die Plausibilitätsgrenzen angepasst
Die KV Nordrhein hat nicht nur ein Modellprojekt gestartet, sondern auch erste strukturelle Voraussetzungen für den Einsatz von Physician Assistants geschaffen.
Wie wir bereits im Juni 2026 berichtete, hatte die KVNO eine Anpassung der Plausibilitätsgrenzen für Physician Assistants angekündigt.
Diese Neuregelung ist seit dem 1. Juli 2026 in Kraft. Seitdem werden Physician Assistants bei der Plausibilitätsprüfung berücksichtigt.
Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass PAs delegierbare Leistungen übernehmen und ärztliche Kapazitäten innerhalb einer Praxis freisetzen können.
Die KV Nordrhein sieht darin einen wichtigen Schritt, betont aber zugleich, dass weitere Rahmenbedingungen notwendig sind. Insbesondere bei rechtssicheren Delegationsregelungen sowie einheitlichen Standards für die Aus- und Fortbildung besteht aus Sicht der KVNO weiterer Handlungsbedarf.
Was bedeuten die Ergebnisse für Physician Assistants?
Die Zwischenbilanz aus Nordrhein ist aus mehreren Gründen interessant.
Erstens zeigen die Ergebnisse, dass die Behandlung durch Physician Assistants auch bei Patientinnen und Patienten, die zuvor noch keinen Kontakt mit dem Berufsbild hatten, auf eine hohe Akzeptanz stößt.
Zweitens verdeutlichen die erhobenen Tätigkeiten, dass PAs in der ambulanten Versorgung bereits vielfältige medizinische Aufgaben übernehmen können. Das Einsatzspektrum reicht von Untersuchungen über Befundbesprechungen bis hin zur Begleitung von Patientinnen und Patienten mit akuten Beschwerden.
Drittens zeigt das Projekt, dass der Einsatz von PAs zunehmend auch auf institutioneller Ebene betrachtet wird. Mit der wissenschaftlichen Begleitung, der gezielten Förderung neuer Einsatzmodelle und der Anpassung der Plausibilitätsprüfung schafft die KV Nordrhein Voraussetzungen für eine breitere Integration des Berufsbildes.
Gleichzeitig bleiben Fragen offen. Die bisher veröffentlichten Ergebnisse konzentrieren sich insbesondere auf die Patientenperspektive. Für eine umfassende Bewertung wären weitere Daten zur tatsächlichen ärztlichen Zeitersparnis, zur Versorgungsqualität, zur Wirtschaftlichkeit und zur langfristigen Integration in die Praxisabläufe relevant.
Fazit: Ein positives Signal für die ambulante PA-Versorgung
Die ersten Ergebnisse des KVNO-Modellprojekts liefern ein positives Signal für den Einsatz von Physician Assistants in der ambulanten Versorgung.
Die hohe Patientenzufriedenheit, die wahrgenommenen Vorteile bei Behandlungs- und Wartezeiten sowie das breite Spektrum delegierter Tätigkeiten zeigen, welches Potenzial in einer strukturierten Zusammenarbeit zwischen PAs und Ärztinnen und Ärzten liegen kann.
Dennoch sind die Ergebnisse zunächst eine Zwischenbilanz und kein abschließender Nachweis für die Wirksamkeit oder Wirtschaftlichkeit des Einsatzmodells.
Entscheidend wird sein, welche weiteren Erkenntnisse die wissenschaftliche Begleitung liefert und ob es gelingt, die notwendigen rechtlichen, organisatorischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dauerhaft zu etablieren.
Für Physician Assistants ist die Entwicklung in Nordrhein in jedem Fall relevant: Ihr Einsatz in der ambulanten Versorgung wird zunehmend nicht nur diskutiert, sondern systematisch erprobt, wissenschaftlich untersucht und strukturell unterstützt.
Quelle: Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein, KVNO aktuell, Ausgabe 4/2026, Seiten 26–27, „Praxistest bestanden – Positive Resonanz auf Physician Assistants“.