In diesem Interview gibt uns Emily Einblicke in ihren Berufsalltag in der Hämatologie und Onkologie, wo sie seit Oktober 2024 zunächst als persönliche Assistenz des Chefarztes in der Patientenversorgung tätig war und mittlerweile im Stationsalltag eingesetzt wird.
Ihr Weg in den Beruf verlief über Umwege: Ursprünglich wollte sie Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin werden und entschied sich zunächst für ein Studium im Pflegemanagement. Erst während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres wurde sie auf das Berufsbild des Physician Assistants aufmerksam.
Heute ist sie die einzige PA in ihrer gesamten Klinik, eine Stelle, die sie sich über acht Initiativbewerbungen selbst erschlossen hat, da es in ihrer neuen Region weder PA-Stellenausschreibungen noch ein PA-Studienangebot gab. In ihrem Arbeitsalltag ist sie mittlerweile im stationären Setting tätig und übernimmt zum größten Teil die stationären Aufnahmen.
Im Gespräch berichtet sie, wie sie sich trotz des begrenzten internistischen Studienanteils in ihre onkologische Rolle eingearbeitet hat, welche Kompetenzen sie für besonders wichtig hält, wie das Berufsbild bei den verschiedenen Berufsgruppen ankam und welche Hürden – etwa bei Bezahlung, tariflicher Eingruppierung und Studiengebühren – aus ihrer Sicht noch zu überwinden sind, damit sich der Beruf weiter etablieren kann.
Warum hast du dich für das Studium zur Physician Assistant entschieden?
Schon von klein auf hatte ich den Wunsch, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin zu werden. Zunächst hatte ich mich für den Studiengang Pflegemanagement entschieden. Durch mein Freiwilliges Soziales Jahr bin ich jedoch auf den Beruf des Physician Assistants aufmerksam geworden, der mein Interesse geweckt hat. Dieser Beruf bietet mir die ideale Möglichkeit, meinen beruflichen Zielen gerecht zu werden und gleichzeitig eine ausgewogene Work-Life-Balance zu bewahren.
An welcher Hochschule hast du studiert und warst du zufrieden mit dem Studium?
Ich habe an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf studiert und grundsätzlich hat mir das Studium dort sehr gut gefallen. Ursprünglich trug der Studiengang den Namen „Medizinische Assistenz – Chirurgie“ (heute „Physician Assistance“), wodurch der internistische Bereich in unserem Curriculum leider zu kurz kam. Zudem waren die monatlichen Studiengebühren recht hoch. Seit Oktober 2024 war ich zunächst in der Ambulanz einer Universitätsklinik für Onkologie und Hämatologie tätig, wo ich anfangs als persönliche Assistenz des Chefarztes in der Patientenversorgung fungierte. Im weiteren Verlauf ergab sich aufgrund personeller
Umstrukturierungen und Personalmangels die Möglichkeit eines Wechsels in den stationären Bereich,
in dem ich mittlerweile meine berufliche Tätigkeit als besonders erfüllend empfinde. Aufgrund des begrenzten internistischen Anteils in meinem Studium war ich auf diese Position nicht vollständig vorbereitet, was ich als eine Herausforderung empfand. Allerdings konnte ich von einem internistisch-onkologischen Praxiseinsatz während meines Studiums profitieren, der mir dabei half, mich besser zurechtzufinden.
Wie kamst du zu deiner aktuellen Stelle?
Nach meinem Studium bin ich aus privaten Gründen in eine andere Stadt gezogen, in der es nur wenige Physician Assistants gibt bzw. man in dieser Gegend diesen Beruf nicht studieren kann. Daher entschied ich mich, mich initiativ bei sämtlichen Krankenhäusern zu bewerben, da keine entsprechenden Stellenanzeigen ausgeschrieben waren. Dabei richtete ich meine Bewerbungen gezielt an Fachabteilungen, die meinem beruflichen Interesse entsprachen – insgesamt acht Bewerbungen. Zwei Krankenhäuser erteilten mir Absagen, während ich von einem dritten Krankenhaus zu zwei Bewerbungsgesprächen und Hospitationen eingeladen wurde: einmal in der Unfallchirurgie/Orthopädie und einmal in der Onkologie/Hämatologie. Nach den Hospitationen sowie den Gesprächen mit den Chefärzten und Personalern erhielt ich aus beiden Fachabteilungen Angebote. Letztlich entschied ich mich für die Onkologie. Bis heute bin ich die einzige Physician Assistant in der gesamten Klinik, obwohl es vor einigen Jahren bereits eine PA in einer anderen Fachabteilung gab.
Wie sieht dein normaler Arbeitsalltag aus?
Da ich die erste Physician Assistant in unserer Fachabteilung bin, stellte dies zu Beginn vereinzelt eine
organisatorische und strukturelle Herausforderung dar. In der Anfangsphase wurde gemeinsam mit
mir ein Tätigkeitsprofil erarbeitet und definiert.
Zu Beginn meiner Tätigkeit war ich überwiegend in einer Funktion als persönliche Assistenz des
Chefarztes eingesetzt und habe vorwiegend in der ambulanten Patientenversorgung gearbeitet.
Hierzu zählten unter anderem die Teilnahme an Tumorkonferenzen sowie an Besprechungen des
Studiensekretariats. In dieser Rolle fungierte ich als Schnittstelle zwischen verschiedenen
Berufsgruppen, insbesondere zwischen MFA, Pflegepersonal, Study Nurses und Ärztinnen und Ärzten.
Im weiteren Verlauf verlagerte sich mein Tätigkeitsbereich zunehmend in den stationären Bereich.
Dort bin ich mittlerweile primär im Stationsalltag tätig und übernehme die onkologischen stationären
Aufnahmen. Dies umfasst die strukturierte onkologische Dokumentation von Diagnosen,
Therapiekonzepten und Verlaufsdaten sowie die Sichtung von Befunden und
Tumorkonferenzprotokollen im Rahmen der Patientenaufnahme.
Darüber hinaus führe ich Erstgespräche zu Diagnosen und Therapiekonzepten, erhebe Anamnesen
und körperliche Untersuchungen und bin für die Anlage venöser Zugänge sowie die Durchführung
von Blutentnahmen inklusive der an die jeweilige Tumorerkrankung und Therapie angepassten
Labordiagnostik verantwortlich. Ebenso übernehme ich die Anmeldung noch ausstehender
Untersuchungen vor Therapieeinleitung. Nach vollständiger Diagnostik führe ich vorbereitende
Aufklärungsgespräche mit den Patientinnen und Patienten.
Unter ärztlicher Supervision führe ich zudem Knochenmarkpunktionen sowie Aszites-, Pleura- und
Lumbalpunktionen durch. Gelegentlich begleite ich die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen auf
Visiten, dokumentiere und ordne besprochene Dinge an.
Konntest du die praktischen Fähigkeiten bereits vor Antritt der Stelle oder wurden sie dir beigebracht?
Praktische Fähigkeiten wie Blutabnehmen oder das Legen von Zugängen konnte ich nach meinem Studium sicher und routiniert durchführen. Die spezifische onkologische Anamnese sowie die spezifische körperliche Untersuchung musste ich anfangs mehrmals üben, aber die grundlegenden Techniken waren mir bereits bekannt. Dennoch fehlte mir noch die Erfahrung, um zum Beispiel pathologische Herz- oder Lungengeräusche genau zu deuten. Dank der kontinuierlichen Anleitung meiner erfahrenen Kolleg:innen kann ich in diesem Bereich stetig dazulernen.
Mein Ziel ist es, die Durchführung von Punktionen zu einer routinierten Tätigkeit zu machen und meine Sonografiekenntnisse weiter zu vertiefen. Da mein Arbeitsalltag von vielen Schnittstellen geprägt ist, liegt mein derzeitiger Fokus darauf, alle anderen Arbeitsabläufe sicher zu beherrschen, bevor ich mich voll und ganz auf das Erlernen der Punktionen konzentriere. Aufgrund meiner noch begrenzten onkologischen Kenntnisse nach dem Studium muss ich viele fachliche Themen weiterhin nachschlagen oder erfragen. Ein weiteres wichtiges Ziel ist daher, meine internistisch-onkologischen Kenntnisse auszubauen und durch praktische Erfahrungen kontinuierlich zu wachsen.
Gibt es Aufgaben die du außerhalb deiner Routinetätigkeiten erledigst?
Ich bin zusammen mit einem Oberarzt für sogenannte nNGM-Aufklärungen (molekulare Diagnostik) zuständig. Diese erledige ich je nach Bedarf.
Welche Qualifikationen sind deiner Meinung nach wichtig für einen Physician Assistant?
Empathie, Zielstrebigkeit, Durchsetzungsvermögen und Organisation.
Wie kam das Berufsbild bei anderen Berufsgruppen an?
Das Berufsbild des Physician Assistants wurde von den meisten meiner Kolleg:innen, insbesondere den MFAs und Study Nurses, sehr positiv aufgenommen. Die meisten meiner Kolleg:innen erkannten schnell die Vorteile, die eine PA mit sich bringt, wie etwa die Optimierung von Arbeitsprozessen und die zusätzliche Verfügbarkeit von Patient:inneninformationen.
Zu Beginn gab es jedoch bei einigen ärztlichen Kolleg:innen eine gewisse Zurückhaltung und das neue Berufsbild wurde mit Skepsis betrachtet. Nachdem ich mich jedoch in meiner Rolle bewähren konnte, hat sich die Einstellung deutlich verändert. Heute werde ich auch von den Ärzt:innen regelmäßig kontaktiert und um Unterstützung bzw. Informationen gebeten.
Strebst du einen Masterstudiengang an?
Derzeit ziehe ich es nicht in Erwägung, einen Masterstudiengang speziell für Physician Assistants zu absolvieren, da der finanzielle Aufwand momentan für mich zu hoch ist. Grundsätzlich erkenne ich den Wert eines Masters, doch der Preis stellt für mich in diesem Bereich noch eine erhebliche Belastung dar. Ich habe auch darüber nachgedacht, einen anderen Masterstudiengang im Bereich Gesundheitsmanagement zu beginnen, unabhängig von meiner Tätigkeit als Physician Assistant. Mir ist es wichtig zunächst praktische Erfahrungen zu sammeln und mich in meinem aktuellen Beruf weiterentwickeln, bevor ich eine Entscheidung über weitere akademische Qualifikationen treffe. Dennoch strebe ich derzeit eine spezielle onkologische Fachweiterbildung und einen Sonogarphie-Kurs an.
Hast du eine Zukunftsvision für das Berufsbild?
Ich bin überzeugt, dass das Berufsbild des Physician Assistants eine vielversprechende Zukunft hat und ein großes Potenzial birgt. Damit es sich jedoch besser etablieren kann, wünsche ich mir eine größere Offenheit gegenüber diesem Berufsfeld. Die kommenden Jahre werden eine enorme Herausforderung für das Gesundheitssystem darstellen. Auch wenn wir nicht die alleinige Lösung für die bestehenden Probleme sind, können wir sicherlich einen wichtigen Beitrag leisten. Letztlich ist dieser Beruf auch nicht der „Lückenbüßer“ für das Problem, sondern den Beruf gibt es seit mittlerweile 20 Jahren in Deutschland. Ich hoffe, dass insbesondere einige Ärzte eine größere Bereitschaft zeigen, sich für zukunftsorientierte Entwicklungen zu öffnen.
Ein weiteres Anliegen ist, dass das Berufsbild des Physician Assistant eine angemessene Bezahlung erhält und langfristig in die tarifliche Eingruppierung innerhalb der Entgelttabellen aufgenommen wird. Darüber hinaus wäre es wünschenswert, wenn mehr staatliche Hochschulen diesen Studiengang anbieten würden, um die Studiengebühren zu senken und den Zugang zu diesem Studium zu erleichtern.
Welche Empfehlung kannst du PA-Studierenden geben?
Der Beruf des Physician Assistant ist wirklich spannend und vielseitig. Auch wenn es immer noch Skeptiker gibt, die diesem Berufsbild gegenüber kritisch sind, lässt sich die Mehrheit überzeugen, wenn man zeigt, wie viel ein PA in der Praxis entlasten kann. Wichtig ist, offen und kommunikativ zu bleiben und durchzuhalten. Am Ende zahlt sich der Einsatz aus, und es ist ein tolles Gefühl, wenn man anderen die Vorteile des Berufs näherbringen kann.