Für unsere neue Podcastfolge waren wir vor Ort an der Uniklinik in Münster aufnehmen. Wir waren zu Gast bei Prof. Dr. Andreas Pascher, Klinikdirektor der Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie (Transplantationsmedizin) am UKM. Und er zeichnet ein Bild, das im deutschen Klinikalltag noch längst nicht überall selbstverständlich ist: Weg von der klassischen Zweiteilung in „ärztlich“ und „pflegerisch“, hin zu komplementären Teams auf Augenhöhe, mit dem Physician Assistant als verbindender Schlüsselrolle im System.
Hochleistungsmedizin braucht neue Teamstrukturen
Die Klinik von Prof. Pascher steht für universitäre Maximalversorgung: komplexe onkologische Eingriffe, Transplantationschirurgie, robotische Verfahren, digitalisierte OP-Settings, KI-gestützte Prozesse. Medizin auf höchstem Niveau. Doch je komplexer die Medizin wird, desto deutlicher wird für ihn: Mit klassischen Rollenbildern kommt man hier nicht mehr weiter.„Wir haben lange in zwei Polen gedacht: Ärzteschaft und Pflege“, erklärt Pascher im Podcast. „Aber moderne Versorgung ist viel feiner facettiert.“
In Münster verfolgt man deshalb seit Jahren den Weg zur sogenannten Magnetklinik – ein internationales Qualitätsmodell, das auf interprofessionelle Zusammenarbeit, flache Hierarchien und hohe Mitarbeiterbindung setzt. Physician Assistants sind dabei kein „Add-on“, sondern Teil der Grundstruktur.
Der PA als Vernetzer im System
In Paschers Klinik übernehmen PAs weit mehr als klassische Assistenzaufgaben. Sie sind dort vor allem eines: Schnittstellenmanager. Auf den Normalstationen begleiten und gestalten sie Visiten, koordinieren Abläufe, priorisieren Aufgaben, übernehmen Wundmanagement, führen sonographische Screenings durch, unterstützen das Entlassmanagement und strukturieren die Kommunikation zwischen Pflege, Ärzteschaft, Sozialdienst, Case Management und Therapie.
„Der Mehrwert liegt darin, dass wir die Teams zusammenbringen“, sagt Pascher. „Wir haben deutlich weniger Informationsverlust.“
Gerade in Zeiten fragmentierter Dienstsysteme – mit wechselnden ärztlichen Teams, Schichtmodellen in der Pflege und vielen beteiligten Berufsgruppen – werden PAs zur konstanten Größe. Sie sind präsent, verfügbar und eingebunden. Das macht sie zu einem stabilisierenden Faktor im klinischen Alltag. Oder anders formuliert: Sie halten das System zusammen, während andere rotieren.
Internationale Vorbilder: Mehr Mut zur Diversifizierung
Paschers Perspektive auf den PA ist stark international geprägt. Bereits während seiner Zeit in den USA und Großbritannien lernte er früh arbeitsteilige, diversifizierte Gesundheitssysteme kennen. In den USA ist das PA-Modell seit Jahrzehnten etabliert. In Großbritannien arbeiten Physician Associates, Advanced Nurse Practitioners und spezialisierte Fachkräfte selbstverständlich nebeneinander. Dort, so Pascher, werde weniger über Besitzstände diskutiert und mehr über Prozesse und Qualität.
„Wir wissen aus internationalen Systemen, dass vieles möglich ist – auch regulatorisch“, betont er.
Endoskopische Tätigkeiten, Funktionsdiagnostik, bestimmte Interventionen: In anderen Ländern gehören sie längst zum erweiterten Aufgabenprofil erfahrener nicht-ärztlicher Professionen. In Deutschland hingegen wird vieles noch mit Vorsicht, Skepsis oder Ablehnung betrachtet.
Für Pascher ist klar: Diese Zurückhaltung gefährdet langfristig die Versorgung.
Abschied vom „Assistant“-Denken
Besonders kritisch sieht der Klinikdirektor den Begriff „Physician Assistant“ selbst. Für ihn transportiert er ein falsches Rollenverständnis. Im englischen Sprachraum heißt es „Physician Associate“ – also Partner, nicht Assistant.
„Es geht um Partizipation und Gestaltung“, sagt Pascher. „Nicht nur um Delegation.“
In Münster werden PAs bewusst nicht als „verlängerter Arm“ der Ärzteschaft verstanden. Sie haben eigene Verantwortungsbereiche, entwickeln ihre Rolle mit und prägen Prozesse aktiv mit. Dabei gibt es kein starres Modell. Die Einsatzfelder werden individuell gestaltet – abhängig vom Team, von der Organisationseinheit und von den Kompetenzen der jeweiligen Person. Von Endoskopie über Notfallraummanagement bis hin zu Stationskoordination und Sonografie: Das Spektrum ist breit.
Karriereperspektiven als Schlüssel zur Zukunft
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die langfristige Entwicklung von Fachkräften. Prof. Pascher beobachtet ein strukturelles Problem im Gesundheitswesen: Viele hochqualifizierte Menschen steigen motiviert ein und verlassen das System nach einigen Jahren wieder. Der Grund ist oft derselbe: fehlende Perspektiven.
„Wenn ich einem Berufsbild keine Entwicklung ermögliche, verliere ich die Menschen“, sagt er.
Während ärztliche Karrieren seit Jahrzehnten klar strukturiert sind, fehlen vergleichbare Pfade für andere Professionen oft noch. Für PAs bedeutet das: Ohne Spezialisierungsmöglichkeiten, Masterprogramme, Leitungsfunktionen oder akademische Anschlussoptionen droht Stillstand.
Prof. Pascher plädiert deshalb für:
- mehr Weiterbildungsmöglichkeiten
- klarere Karrierepfade
- Spezialisierungen
- mehr Verantwortung
- und strukturelle Anerkennung
Nicht als Selbstzweck, sondern als Voraussetzung, um Talente im System zu halten.
Komplementarität statt Konkurrenz
Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Einführung von PAs darf nicht gegen andere Berufsgruppen ausgespielt werden. Prof. Pascher betont, dass akademische Pflege, Advanced Practice Nursing und Physician Assistants nebeneinander existieren können und müssen.
„Das ist nicht das Gleiche. Das sind komplementäre Tätigkeiten.“
In seiner Klinik werden alle Rollen gemeinsam entwickelt. Partizipativ, transparent und im Dialog. Nur so lassen sich Ängste abbauen und echte Zusammenarbeit ermöglichen.
Ein Modell für die Zukunft?
Das Beispiel Münster zeigt, wie moderne Versorgung aussehen kann: multiprofessionell, vernetzt, partizipativ. Der PA ist darin weder Ersatzarzt noch Pflege-Upgrade, sondern eine eigenständige, gestaltende Profession.
Für Prof. Pascher ist das kein Experiment, sondern eine Notwendigkeit. Angesichts demografischer Entwicklungen, Fachkräftemangel und steigender Komplexität wird sich das Gesundheitssystem verändern müssen. Die Frage ist nicht ob – sondern wie. Seine Antwort ist klar: mit mehr Mut, mehr Offenheit und mehr Diversifizierung.
Fazit: Der PA als Schlüsselrolle in der Chirurgie von morgen
Das Gespräch mit Prof. Dr. Pascher macht deutlich: Physician Assistants sind für ihn kein „Nice-to-have“. Sie sind eine Schlüsselrolle im modernen Klinikbetrieb. Als Vernetzer. Als Kontinuitätsanker. Als Prozessgestalter. Als Teil komplementärer Teams auf Augenhöhe. Gerade in der Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie – mit ihren hochkomplexen Patienten und Abläufen – zeigt sich, welches Potenzial in diesem Berufsbild steckt.